theory
33.1 – 1.1
33.1
By this art you may contemplate the variations of the 23 letters ... (The Anatomy of Melancholy, part2, sectII, mmem. IV)
Das Universum, das andere die Bibliothek nennen, setzt sich aus einer undefinierten, ­womöglich unendlichen Zahl sechseckiger Galerien zusammen, mit weiten Entlüftungs­schächten in der Mitte, die mit sehr niedrigen Geländern eingefasst sind. Von jedem Sechseck aus kann man die unteren und oberen Stockwerke sehen: grenzenlos. Die Anordnung der Galerien ist unwandelbar dieselbe. Zwanzig Bücherregale, fünf breite Regale auf jeder Seite, verdecken alle Seiten außer zweien: ihre Höhe, die sich mit der Höhe des Stockwerks deckt, übertrifft nur wenig die Größe eines normalen Bibliothekars.
25.1
Der wirkliche »Mapping-Blick« (Buci-Glucksmann) [LI] ist ein theoretischer Blick. Obwohl der Begriff »Theorie« ursprünglich mit dem theatralischen Sehen in Verbindung steht, bedeutet er in diskursiven Kontexten Abstraktion; in unserem Zusammenhang bedeutet Abstraktion Mathematisierung.
19.1
Ganz anders das Rhizom, das eine Karte und keine Kopie ist. Karten nicht Kopien machen. Die Orchidee produziert keine Kopie der Wespe, sondern stellt mit ihr eine Karte innerhalb eines Rhizomes her. Die Karte ist das Gegenteil einer Kopie, weil sie ganz und gar auf ein Experimentieren als Eingriff in die Wirklichkeit orientiert ist. Die Karte reproduziert kein in sich geschlossenes Unbewusstes, sie konstruiert es. [...] Sie ist selber Teil eines Rhizoms. Die Karte ist offen, sie kann in alll ihren Dimensionen verbunden, zerlegt und umgekehrt werden, sie kann ständig neue Veränderungen aufnehmen. Man kann sie zerreißen oder umkehren; sie kann sich Montagen aller Art anpassen; sie kann von einem Individuum, einer Gruppe; einer gesellschaftlichen Organisation angelegt werden. Man kann sie auf eine Wand zeichnen , als Kunstwerk konzipieren oder als politische Aktion oder Meditationsübung begreifen. Es ist vielmehr eine der wichtigsten Eigenschaften des Rhizom, immer vielfältige Zugangsmöglichkeiten zu bilden. [...] Bei der Karte geht es um Performance.
13.1
Der strategische Wert des Nicht-Ortes der Geschwindigkeit hat tatsächlich den des Ortes endgültig abgelöst und die Frage des Zeitbesitzes hat die der territorialen Aneignung erneuert.
12.1
Nicht die Maschine, sondern das Programm, das diese Maschine steuert, heißt Erzählung: Narration ist das Medium der Geschichte. Darin liegt der ganze Unterschied von Datenbank und Algorythmus.
5.1
Waren oder Daten aus der Fauna sammelte auch Noah paarweise für seine Arche und machte sie so zu einer kompakten Enzyklopedie der Welt. Schiffe ‚also übertragen und speichern, sie sind Mittel zum Aussenden wie zum Einsammeln [...], metaphorisch naturgemäß, denn metaphora, translatio oder Übertragung bedeutet allesamt geradeaus und nichts anderes als Schiff. An diese Funktion erinnern die Medienarchive der Gegenwart, die nicht mehr primär speichern sondern übertragen.
32.1
Foucault definiert als Archiv weder die Summe aller überlieferten Dokumente noch die Institution ihrer Überlieferung, sondern das System welches, das Auftauchen sowie das weitere aktuelle Funktionieren der Aussagen regiert. Was heute regiert heißt Kybernetik. Ihre ‚arche‘ (Kommando und Ursprung zugleich) medial zu denken ermöglicht in einem ganz spezifischen Sinn den Anschluss an Foucaults Wissensarchäologie, welche als Form des Forschens diskursive Ereignisse zutage zu fördern sucht, „als seien sie in einem Archiv verzeichnet.“
29.1
In England wurden die ersten Radioübertragungen von Fussballspielen mit einem Koordinatensystem erzählt.
24.1
Dem Leben, das nur noch als Masse und als Objekt quantifizierender Wissenspolitiken gehandelt wird, [ ... ]. Der Weg dorthin führt nicht durch Hütte und Haus, sondern durch die umgebende Landschaft, vorbei an Brücken und Stadien, Kraftwerken und Flugplätzen, jenen Behausungen, die für Heidegger das Verhältnis zwischen Mensch und Raum architektonisch formulieren und den „Aufenthalt des Menschen behausen“. Im Stadion trifft die Logistik der Zuschauer-Masse auf die Topologie des Fußballspiels, das zwar eng umrissen ist, sich als Ereignisraum aber erst in der Bewegung zwischen Spielern und Ball konfiguriert. Gestell und Ereignisdenken teilen hier einen Ort, der zu den ,anderen’ Räumen Foucaults gezählt werden kann, allerdings als vom Medium her gedachter und historisierter Zwischenraum, der sowohl vom Buchdruck wie von antiken Spielen zeugt.
The Courses 1.1
18.1
Die Territorialgrenzen der Nation umschlossen ein Zentrum der Macht, das die Ströme der Produktion und Zirkulation systematisch kanalisierte oder blockierte, abwechselnd förderte und unterband, und so über fremde Territorien Herrschaft ausübte.
11.1
[ ...] Lewis Carrolls “The Hunting of the Snark” (1876) entnommen sein: Matrosen sehen sich einer leeren Seekarte gegenüber, die nur an den Rändern bezeichnet ist – “A perfect and absolute blank”, die der freien Interpretation preisgegeben ist, da „Zeichen ohnehin nur Konvention“ sind. Eine abenteuerliche Reise in den Raum der Poesie mit den Mitteln der Subversion: dem Zufall, der Leere, dem Spiel, der Travestie, der Suggestion – und der Parrhesia. ”
4.1
Hinter jeder narrativ oder ikonisch verkleideten Sammlung steht eine nackte technologische Struktur, ein archivalisches Skelett, strategisch bewußt dem diskursiven Zugriff auf Interface-Ebene entzogen (die Ästhetik von ‚Windows‘). Scheinbar ohne irreversible Hierarchien, ist jenseits der sichtbaren Oberfläche das System von technischen Übertragungs- und Speicherprotokollen rigider, als es ein traditionelles Archiv je war.
3.1
Kontrolle heißt nicht mehr Überwachen und Strafen, sondern liegt in den diskursiven Effekten der Messung selbst; als unsichtbare Gewalt symbolischer Infrastruktur wird die Statistik damit auf den Begriff von Staatswissen(schaft) zurückgefaltet.
31.1
Bei dem Begriff »Cyberspace«, den William Gibson 1984 in seinem Roman »Neuromancer« prägte, geht es weniger um ›Raum‹ (der hier ein metaphorischer Begriff ist) als um Kybernetik; die Tatsache, dass »Cyber« sich aus Norbert Wieners »Kybernetik« ableitet, ist heute ein vergessenes medienkulturelles Faktum. Der Cyberspace ist nicht kartografisch, sondern topologisch verfasst.
28.1
In der physischen Welt gibt es Raum, doch eine Karte ist nur ein Modell des Raums, nicht der Raum selbst. Dieses Modell ist kein räumliches, sondern ein logistisches und damit gleichsam an­-ästhetisch: nicht für die physische Erfahrung, sondern für die Kognition, für unser mentales Computing.
23.1
In the twenty-first century however, we are already entering the age of chronopolitics, when realtime preveals real space.
17.1
Die Schrumpfung der Entfernung ist zu einer strategischen Realität mit unkalkulierbaren ökonomischen und politischen Konsequenzen geworden, da sie mit einer Negation des Raums zusammenhängt. Das Manöver, das darin bestand Terrain aufzugeben um Zeit zu gewinnen, hat jeden Sinn verloren; gegenwärtig ist Zeitgewinn ausschließlich eine Angelegenheit von Vektoren und das Territorium hat seine Bedeutung zugunsten des Projektils verloren.
16.1
So we have gone from advertisement to propaganda and from propaganda to the occupation of an emotional territory. People who listened to the news of the radio at night – “The French speaking to the Fench” – lived in a virtual territory which was that of Free France, whereas as those who listened to the Führer spitting into his microphone were in another virtual country. [...] The nature of advertisement ist to have a hidden message, while the nature of artist to have none at all if not its own, and that is a great mystery.
10.1
Das Empire arrangiert und organisiert hybride Identitäten, flexible Hierarchien und eine Vielzahl von Austauschverhältnissen durch modulierte Netzwerke des K­o­m­­mandos.
30.1
Lassen wir uns nicht täuschen, drop-out, beat-generation. Autofahrer, Gastarbeiter, Touristen, Olymiasieger, Reiseleiter, etc. - die militär-industrielle Demokratien haben es verstanden, aus allen sozialen Kategorien gleichermaßen unbekannte Soldaten der Ordnung der Geschwindigkeit zu machen, von Geschwindigkeiten deren Hierarchie vom Fußgänger bis zur Rakete, vom Metabolischen bis zum Technologischen, der Staat jeden Tag im vorraus kontrolliert.
27.1
Denn zum ersten Mal wird die Form eines Objektes durch dessen fernes Bild geprägt. Anders gesagt: Das Echoradar, das hunderte Kilometer entfernt aufgefangen wird, gestaltet die Form des in Bewegung befindlichen Körpers. [...] Denn bislang war die Form der Flugkörper von der Aerodynamik geprägt, d.h. von den Eigenschaften, die mit dem Strömungswiderstand zusammenhingen. Nun jedoch haben wir es plötzlich mit einer „Ikonodynamik“ zu tun, bei der das auf dem Radarbildschirm auftauchende elektromagnetische Bild den Flugkörper modelliert.
22.1
Durch die Lektüre Hegels kam Mallarmé zur Auffassung, dass, wenn „der Himmel tot“ sei, das Nichts der Ausgangspunkt des Schönen und Idealen sein müsse. Zu dieser Philosophie gehörte seiner Meinung nach eine in Rhythmus, Satzbau und Wortschatz neuartige Poesie.
21.1
Die Flugbahn einer ballistischen Rakete (wie sie in Thomas Pynchons Roman »Die Enden der Parabel« beschrieben wird) ist keine Funktion des Raums mehr, sondern eine Funktion von nume­rischen Tabellen; tatsächlich korrigiert eine Rakete ihre Flugbahn mit Hilfe dieses Informationsfeedback.
15.1
Die Monstrosität, die Borges in seiner Aufzählung zirkulieren läßt, besteht dagegen darin, daß der gemeinsame Raum des Zusammentreffens darin selbst zerstört wird. Was unmöglich ist, ist nicht die Nachbarschaft der Dinge, sondern der Platz selbst, an dem sie nebeneinander treten können. Die Tiere „i) die sich wie Tolle gebärden, k) die mit einem ganz feinen Pinsel aus Kamelhaar gezeichnet sind“, könnten sich nie treffen, außer in der immateriellen Stimme, die ihre Aufzählung vollzieht, außer auf der Buchseite, die sie wiedergibt. Wo könnten sie nebeneinander treten, außer in der Ortlosigkeit der Sprache.
9.1
Vom Leben lässt sich nur noch im Stadium der Vergessenheit sprechen, denn wo der Mensch Lebewesen genannt wird, ist er nach Heidegger bloß vorhanden und berechenbar. Das „Leben“ liegt jetzt ganz und gar im Gegenstandsbezirk von Statistik und Logistik.
8.1
Ein Plateau ist immer Mitte, hat weder Anfang noch Ende. Gregory Bateson benutzte das Wort Plateau um etwas ganz spezielles zu bezeichnen: eine zusammenhängende, in sich selbst vibrierende Intensitätszone, die sich ohne jede Ausrichtung auf einen Höhepunkt oder ein äusseres Ziel ausbreitet.
26.1
“Darin liegt die Macht des Alphabets: Im Wiederfinden einer Art Naturzustand des Buchstabens. Denn der allein stehende Buchstabe ist unschuldig: Die Schuld, die Vergehen beginnen, sobald man Buchstaben aneinanderreiht, um Wörter aus ihnen zu machen.”
20.1
Schreiben hat nichts mit Bedeuten zu tun, sondern damit, Land – und auch Neuland – zu vermessen und zu kartographieren.
14.1
Was Stéphane Mallarmé (1842-1898) in “Un Coup de dés” (Ein Würfelwurf) 1897 vorgedacht hat, ist im 20. Jahrhundert zu einem integralen Bestandteil des poetologischen Vokabulars geworden: Sprache als Konvention zu entlarven, die dazu da ist, Individuen zu disziplinieren und sie einem geregelten System der kapitalistischen Verwertbarkeit zu unterwerfen, oder – ins Positive gewendet – nützliche Überschaubarkeit der Welt zu garantieren.
6.1
Foucault stiftete eine neue Archivistik, die sich mit nichts anderem beschäftigen will als mit ‚Aussagen‘. Anders als Kohorten vorangegangener Archivare zielt er auf formelle Analysen wie etwa eine Series von Buchstaben; Die Tastatur einer Schreibmaschine allein ist noch keine Aussage; aber die gleiche Series von Buchstaben, in einem Lehrbuch für Maschinenschreiben aufgezählt, ist die Aussage der alphabetischen Ordnung, die für die jeweils nationalen Schreibmaschinen angewendet wird. Denn Foucaults Begriff des Archivs meint das Gesetz dessen, was gesagt werden kann, das System, das das Erscheinen der Aussagen als einzelner Ereignisse beherrscht. Genau dieser Begriff des Archivs als ‚das allgemeine System der Formation und der Transformation der Aussagen‘ oszilliert zwischen dem konkreten Archiv, dem nicht-diskursiven Gedächtnis zum Feedback einer Verwaltung, und einer Bibliothek, dem diskursiv gefaßten Gedächtnis eines Kollektivs:‘ zwischen der Sprache, die das Konstruktionssystem möglicher Sätze definiert, und dem ‚Korpus‘, das die gesprochenen Worte passiv aufnimmt, definiert das ‚Archiv‘ eine besondere Ebene – die der Praxis.
7.1
Den Begriff Empire charakterisiert maßgeblich das Fehlen von Grenzziehungen: Die Herrschaft des Empire kenn keine Schranken.
2.1
Der wichtigste Bereich visueller Forschung ist demnach nicht die versuchte Angleichung von Bildschirm und bedrucktem Papier, sondern die Differenzierung unserer räumlichen Vorstellungen, um die höheren Ausdrucksmöglichkeiten des Computers optimal nutzen zu können.
1.1
Dieses Vorwort sollte vielleicht “Gebrauchsanweisung” überschrieben werden. Nicht weil ich meine, daß dem Leser nicht vertraut werden kann – er kann natürlich frei entscheiden, was er mit dem Buch machen will, das er so freundlich war zu lesen. Welches Recht habe ich also, vorzuschlagen, daß es eher auf die eine oder andere Art zu benutzen sei? Als ich das Buch schrieb, gab es viele Dinge, die mir unklar waren: einige schienen mir zu offensichtlich, andere zu dunkel.
January 7th, 2018